Ich bin ein sehbehinderter Hobbyfotograf und da ich gerne von Leuten gefragt werde, ob ich denn nun ganz blind bin oder doch noch was sehe, möchte ich an dieser Stelle nicht nur darauf eingehen, wie es dazu kam, sondern auch, wie sich meine Seheinschränkung auf meinen Alltag auswirkt, welche Einschränkungen sich daraus ergeben und wie ich am Besten damit umgehe.

Was war passiert?

Im Jahre 2002 wurde bei mir eine beidseitige Netzhautablösung diagnostiziert. Aufgefallen ist mir dies, als ich auf dem linken Auge plötzlich verzerrte Linien gesehen habe, d. h., wo eine gerade Linie sein sollte (z. B. am Bildschirmrand, Bordsteinkante etc:), sah ich plötzlich eine wellige Linie. Also begab ich mich zu meinem Augenarzt, der mich an das nächste Uniklinikum überstellte. Dort wurde die beidseitige Netzhautablösung diagnostiziert. Man sagte mir, das rechte Auge sei nicht zu retten, da die Netzhaut mit dem Glaskörper verwachsen ist. Dieser muss üblicherweise jedoch entfernt werden, um an der Netzhaut operieren zu können.

Von Spritzen und Operationen

Also wurden daraufhin beide Augen operiert, was mir zwar eine hohe Blendempfindlichkeit einbrachte, mir aber auch einen Visus von 0,6 auf dem linken Auge zurückbrachte. Die Sehschärfe des rechten Auges fiel jedoch auf einen Visus von 0,1. Zum Vergleich: Ein gesunder Mensch hat einen Visus von 1,0. Die Operation am rechten Auge war deshalb möglich, weil es den Ärzten gelang, den Glaskörper einen Spalt zu öffnen, um dadurch die Operation durchzuführen.

Im Jahre 2016 kam es jedoch zu weiteren Operationen am linken Auge. Hervorgerufen wurden diese durch verschiedene Ursachen:

  • Netzhautablösungen
  • Netzhautriss
  • Grauer Star

Zwischen 2016 und 2017 folgten insgesamt 6 weitere Operationen am linken Auge, welche in eine langanhaltende Netzhautschwellung mündeten. Diese wurde zwischen 2017 und 2018 mit insgesamt 6 Spritzen behandelt, wobei es bei der letzten Injektion zu einer Einblutung kam, die mich praktisch vollkommen erblinden lies auf diesem Auge. Ein Visus war nicht mehr messbar.

Zudem bildete sich im Laufe der Jahre eine Narbe auf der Hornhaut des rechten Auges.

Meine Sehschärfe im Alltag

Offensichtlich dürfte sein, dass mein Sichtfeld eingeschränkt ist, da ich ja auf dem linken Auge nichts mehr sehe. Dadurch ist natürlich auch räumliches Sehen passé. Ich kann theoretisch auf gut einen Meter scharf sehen. 

Durch die Blendempfindlichkeit wird dies jedoch weiter reduziert. Ich denke, einem normal sehenden Menschen kann ich meine Sehkraft durchaus so beschreiben: Es ist - mal mehr, mal weniger stark - als würde ich durch einen Wasserfall sehen. Durch das fehlende räumliche Sehen sind Hindernisse am Boden teils sehr schwer auszumachen, ebenso kann ich Treppenstufen schwer bis gar nicht erkennen. Schatten auf dem Boden erschweren dies dazu noch (was natürlich bei Sonnenschein problematisch sein kann).

Da ich unter Nachtblindheit leide, bin ich zu diesen Zeiten nahezu komplett blind. Der Boden ist ohne Straßenbeleuchtung für mich nicht mehr sichtbar. Mit Laternenlicht geht es. Grelle Lichter (z. B. von Autos) machen diesen Eindruck jedoch wieder zunichte. Sie schmerzen mich nicht nur extrem, sondern führen kurzzeitig auch zu nahezu vollständiger Blindheit. Die Narbe in meinem Auge sorgt außerdem dafür, dass sich um die Lichtquellen ein Lichtkreis bildet, der alles verschwimmen lässt.

Kann ich arbeiten?

Natürlich. Würde ich aufgrund meiner Sehbehinderung nicht in der Lage sein, zu arbeiten, hätte ich kaum meine Umschulung zum Informatikkaufmann abschließen können. Auch wäre dann wohl diese Website nie entstanden.

Ich nutze die in Windows integrierte Bildschirmlupe mit Invertierung, um am Bildschirm zu arbeiten.

Mobilität im Alltag

Zur Fortbewegung nutze ich einen weißen Blindenlangstock, der mir frühzeitig anzeigt, ob irgendwo ein Hindernis, eine Stufe oder auch Glassplitter auf dem Boden sind. Zusätzlich bin ich aufgrund der Blendempfindlichkeit eigentlich immer mit Sonnenbrille (außer Nachts) und Basecap unterwegs. Die Basecap kann zudem praktisch sein, wenn man eine Laterne oder ähnliches umpendelt, damit man nicht direkt mit dem Kopf gegen ein Hindernis stößt. Ein Problem sind aber leider häufig Radfahrer, welche illegalerweise auf dem Gehweg fahren und somit zu einer echten Gefahr für sehnbehinderte und blinde Fußgänger werden können. Der Stock hilft da zwar auch, einen gewissen Abstand zu bekommen, dennoch passiert es leider viel zu häufig, dass man beinahe von Radfahrern umgefahren wird. Auch die Tatsache, dass man als sehbehinderter oder blinder Mensch erschrickt, wird dabei gerne ignoriert.

Wenn ich auf vertrautem Terrain unterwegs bin, kann es auch sein, dass ich den Stock eher wie einen Spazierstock in der Hand halte und nicht permanent pendele. Schließlich kostet dies auch Kraft und sollte meiner Meinung nach nur angewandt werden, wenn es notwendig ist. Alternativ kann man den Stock auch gut ausgestreckt ohne Pendelbewegung nutzen (jedenfalls mit meinem Visus; ein Blinder sieht das wohl anders).

Ich hoffe, dass ich euch durch diesen Beitrag meine Welt ein wenig näher bringen konnte und dass ihr einen Einblick bekommen hast, wie sich die Welt als Sehbehinderter anfühlt.